Minimalismus: Vom Glück des Wenigen
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Würzburg

Minimalismus: Vom Glück des Wenigen

Kahle Wohnung, karge Regale, glatte Oberflächen – Minimalismus ist Trend. Ein weitestgehend konsumfreies Leben zu führen, ist eine Lebensart geworden. Doch warum?

Irgendwann in den 90ern treffen sich zwei alte Schulfreunde beim Mittagessen in einem Restaurant. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, ruft der eine und knallt seinem Bekannten drei Bilder auf den Tisch – nur um kurz darauf von ihm überboten zu werden. Der Werbeslogan einer Bank dudelt im Hintergrund und wird lauter. Die Szene ist fiktiv und doch bewirbt sie ein Statusdenken, das vor zwanzig Jahren noch beschrieb, was ein „Wert“ ist. Worüber man glücklich ist.

Die Zeiten haben sich geändert. Minimalismus heißt das Zauberwort, das das Reduzieren des Besitzes auf das Nötigste feiert. Wie einst Hans im Glück bei den Gebrüdern Grimm, der mit einem Goldbrocken loszieht und mit nichts nach Hause kommt, außer mit einem guten Gefühl. Doch woher kommt dieses Phänomen? Wir haben Innovationsforscher Sascha Friesike gefragt.

Frage: Herr Friesike, Sie haben zusammen mit einer Philosophin Minimalismus in Zeiten der Digitalisierung erforscht. Warum? Ist das nicht auch einfach irgendein neuerer Wohntrend wie vor ein paar Jahren die bordeauxrote Wand hinterm Fernseher?

Sascha Friesike: Nein. Minimalistisch zu wohnen, ist nur ein kleiner Teilbereich des Phänomens. Vielmehr handelt es sich um eine Verschiebung der Grundwerte der Menschen, die letztendlich bei manchen dazu führt, minimalistisch zu leben.

Das müssen Sie genauer erklären.

Friesike: Diese Verschiebung der Werte kommt in erster Linie daher, dass es quasi ein Überangebot von Möglichkeiten gibt. Und das löst eine Überforderung aus, die zu einem Art Fluchtreflex führt. Der ganze Minimalismustrend kommt in meinen Augen aus einem Überangebot, das gleichzeitig aber auch mit einer Reduktion der Qualität und einer Überforderung bei der Auswahl einhergeht. Ich bekomme sehr viel angeboten, vieles ist aber billig und schrottig. Die Leute haben das Gefühl, sie kaufen alles und hinterher sind sie auch nicht glücklicher. Und dann gibt es eben diese Radikalreaktion.

Haben Sie ein Beispiel? Und was hat das überhaupt mit Digitalisierung zu tun?

Friesike: Ein ganz einfaches Beispiel ist etwa die Musik: Ich kann zu Spotify gehen und Millionen von Songs auf Knopfdruck hören. Und das macht es für mich sehr schwer, Musik noch wertzuschätzen, weil alles auf einmal zugänglich ist. Früher war das anders, da hatten die einzelnen Besitztümer noch einen viel größeren Wert. Meinem Vater etwa war vor 30 Jahren seine Schaltplattensammlung das Heiligste. Da wusste er von jeder einzelnen Platte, wann er sie gekauft hat. Er hatte also ein ganz anderes Verhältnis zu jedem Stück Musik. Und auch wenn seine Sammlung groß war – war sie nichts verglichen mit dem Musikangebot, das ein Spotify-Hörer heute hat. Also beginnen die Leute, bewusst zu reduzieren, um wieder dieses Gefühl der Wertschätzung zu bekommen.

Was passiert dann?

Friesike: Man sagt sich: Ich mach nicht mehr ständig alles. Es gibt das Konzept der Hedonistischen Adaption: Wenn ich jeden Tag jede Musik hören kann, die ich möchte, dann ist das nicht mehr so viel wert. Das ist, wie wenn ich jeden Tag Hummer esse – dann ist es nichts Besonderes mehr. Wenn ich mir aber sage: Ich höre nur noch ein neues Album in der Woche, dann wähle ich die Musik viel bewusster und muss nicht mehr jeden Tag überlegen, was ich jetzt als Nächstes höre.

Also muss ich mich als Minimalist weniger entscheiden?

Friesike: Sozusagen. Wenn Sie sich einmal dafür entschieden haben, müssen Sie nicht mehr so viele kleine Entscheidungen treffen. Es gibt das Konzept von „Decision fatigue“, zu deutsch „Entscheidungsmüdigkeit“. Grob gesagt besagt es, dass man nur eine gewisse Anzahl an Entscheidungen am Tag gut treffen kann. Das Reservoir an Entscheidungsfähigkeit wird irgendwann aufgebraucht.

Minimalismus: Vom Glück des Wenigen
Sascha Friesike. Foto: Martin Schobere
Aber warum fällt es uns heute so schwer, sich zu entscheiden?

Friesike: Ganz einfach: Weil wir uns heute nicht mehr nur für etwas entscheiden müssen, sondern viel öfters gleichzeitig auch gegen etwas anderes. Hatten Sie früher ein Kino im Dorf, das einen Monat lang den gleichen Film gezeigt hat, war es eine einfache Sache: Geh ich ins Kino oder bleib ich daheim? Heute dauert es ja manchmal länger, sich für einen Film bei diversen Streaming-Diensten zu entscheiden, als ihn zu gucken. Und warum? Weil ich mich mit der Entscheidung für einen Film eben auch gegen zig andere entscheide. Die sogenannten Opportunitätskosten, also das, was wir aufgeben, um etwas anderes zu bekommen, werden immer größer. Wenn ich also in einer Gesellschaft lebe, in der das Angebot an so ziemlich allem immer mehr wird, muss ich mich immer öfter entscheiden und die Entscheidungen werden immer schwerer. Und mancher kann irgendwann nicht mehr, dann macht er eine 180-Grad-Wende. Deswegen ist die Reduzierung, das Weglassen, im Prinzip eine logische Konsequenz aus dem Überangebot unserer Zeit. Das lässt sich auf so ziemlich alle Lebensbereiche anwenden – mitunter wird mit dem Weglassen heute ja schon Geld verdient.

Inwiefern?

Friesike: Denken Sie nur an Nahrungsmittel. Hätte man sich vor zwanzig Jahren vorstellen können, dass damit geworben wird, was alles nicht in einem Produkt ist? Nein. Da war das Produkt der Verkaufsschlager, das am besten mehrere Dinge gleichzeitig kann. Heute prangt auf den Packungen „ohne Zusatzstoffe“, „ohne Gluten“, „ohne Aluminium“ und so weiter.

Wie sieht der Prototyp des Minimalisten aus? Gibt es den überhaupt?

Friesike: Den gibt es so nicht, das gliedert sich auf. Als Vorläufer würde ich vielleicht den Qualitätskäufer bezeichnen. Der, der sagt: Ich kauf mir lieber eine Jeans, dann aber eine teurere von hoher Qualität, als dass ich mir in ein paar Monaten die nächste billige kaufen muss, weil die erste durchgescheuert ist. Dann haben wir eine Gruppe, die ich mal„Young Professionals“ nennen will. Meist junge Leute, meist in digitalbasierten Berufen. Sie haben ihren greifbaren Besitz auf ein Minimum reduziert und können so, aus dem Koffer lebend, von überall auf der Welt aus arbeiten. Ihre Werte stehen nicht mehr daheim in der Vitrine, sondern sind Dateien, Bilder und Kontakte auf dem Rechner. Oder, wieder eine Abwandlung, Menschen, die ihren Konsum so gestalten, dass sie absolut keinen Müll erzeugen und jedes Überbleibsel weiterverwenden.

Diese Menschen verdienen aber immer noch alle genug Geld, um sich ihren Lebensstil leisten zu können. Es gibt aber auch Minimalisten, die auch auf Verdienst bewusst verzichten.

Friesike: Ja, die gibt es. Leute, die etwa sagen: Ich fahre kein Auto mehr, lebe irgendwo auf dem Land und baue mein Essen selbst an. Ich schränke mich ein, kann keine großen finanziellen Sprünge mehr machen, dafür muss ich nicht oder nur halbtags arbeiten. Der Rest der Zeit, der bleibt mir zur Selbstverwirklichung. Und bei diesem Stichwort laufen auch alle anderen Stränge zusammen.

Bei der Selbstverwirklichung?

Friesike: Ja. Die Menschen sind immer mehr bereit, für eine individuelle Art der Selbstverwirklichung gewisse finanzielle und materielle Dinge aufzugeben. Das ist heute Glück: Genau das tun zu können, wozu man Lust hat. Um wieder zur Musik zu kommen, Bob Dylan hat mal gesagt: „A man is a success if he gets up in the morning and gets to bed at night, and in between he does what he wants to do.“ Und das scheint mehr und mehr den Zeitgeist zu treffen