Es ist eine verständliche Sache, dass die Mainwiesen gerade proppenvoll sind. Ist schließlich Sommer. Selbstkritik braucht es dennoch. Foto: Silvia Gralla

Würzburg

Hat Würzburg die Corona-Pandemie eigentlich schon vergessen?

(Kommentar) Die meisten werden eine ambivalente Realität gerade in ihrem eigenen Verhalten beobachten können. Da geht es erst mit Maske und Desinfektionsmittel in den Supermarkt, um im Anschluss mit dem ergatterten Kasten Bier und 15 Mann auf dem Bolzplatz am Sanderrasen zu kicken. Ohne Maske, ohne Desinfektion, aber alle die Hand gleichzeitig im Kasten, um ein Fläschchen zu greifen. Es ist schließlich Sommer, soll ja Spaß machen bei der Hitze.

Wir reden uns gerade relativ viel schön

Vor wenigen Monaten war auch hier – auf dieser Plattform – mein Aufschrei über das Verhalten der Schöppler auf der Alten Mainbrücke groß. Da waren es doch tatsächlich „die Anderen“. Mittlerweile gibt uns unser Verhalten, auch und besonders meines, Anlass zur Selbstkritik. Was zu Anfang der Krise in zehnmaligem Händewaschen pro Tag und völliger Isolation endete, wird auch von mir heute mit beruhigenden Statements schön geredet.

„Wir haben doch noch sehr geringe Fallzahlen“, „Wir waren sehr diszipliniert und können jetzt doch einmal was ausprobieren“ und „Im Sommer ist eh alles draußen und wir wissen sowieso noch viel zu wenig über den Übertragungsweg“ – so rechtfertige ich unnötige Treffen mit dem Freundeskreis, Sportkollegen und stolpere auch wieder durch das Fitnessstudio. Das kann man doch mal riskieren, oder? Da siegt täglich Herz über Verstand.

Politiker denken über ein Alkoholverbot nach

Es ist eben nicht einfach, als Mensch sein Verhalten von heute auf morgen zu verändern. Weil das weh tut. Das sehen auch gebildete Menschen wie der Würzburger Professor Andreas Göbel so. Im Main-Post-Interview zeigt er auf, dass unsere Gesellschaft „hyperkomplex“ sei. Da reiche es nicht, einfach an einer Schraube zu drehen und alle sehen das Ziel vor Augen und ändern ihr Verhalten. „Eigentlich ist alles so, wie bisher auch: Wissenschaft forscht. Die Massenmedien produzieren Nachrichten. Die Politik trifft Entscheidungen.“

Sommer in Mainfranken
So sah es am Sonntag , 26. Juli 2020, auf der Alten Mainbrücke in Würzburg aus. Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net)

Wir verdienen temporäre und demokratisch vertretbare Verbote zu unserem Wohl

Eine der Entscheidung könnte sein, dass strikte Alkoholverbote auf der Alten Mainbrücke und am Mainufer kommen – zwei der Trinker-Hot-Spots in Würzburg. Und das ganz zu Recht. Denn unser tägliches Verhalten zeigt: Wir verdienen zeitlich begrenzte und ganz wichtig - demokratisch vertretbare - Verbote, wenn das Virus wieder auf dem Vormarsch ist. Nicht zum Wohl des Einzelnen, sondern zum Wohl aller. 

Du möchtest mehr von mainDing.de sehen? Dann folge uns fix auf Facebook, Snapchat oder Instagram!