Campingurlaub
In Reih und Glied mit einer Menge nachbarschaftlicher Regeln im Urlaub. Das ist Camping. Foto: Bodo Marks (dpa-tmn)

Würzburg

Warum Campingurlaube schlimmer als der Ballermann sind

(Kommentar) In irgendeiner abwegigen Wunschvorstellung ist das Verreisen mit Wohnwagen oder Wohnmobil mit absoluter Freiheit gleichzusetzen. Man fährt einfach los und kommt an einem wunderschönen Ort an. Ungebunden, in der Natur, weit weg von viel zu teuren Hotelzimmern. Doch diese Fantasie entspricht allerhöchstens in einer nicht vorhandenen Parallelwelt der Wirklichkeit.

Camping ist, wenn man die eigene Verwahrlosung als Erholung empfindet. Diesen Spruch kleben einige Camper selbstironisch als Sticker auf ihr fahrbares Zuhause. Für mich ist dieser Spruch die Realität. Vor einigen Jahren haben sich meine Mutter und ihr Mann einen Wohnwagen gekauft. Die Freude hätte für mich nicht größer sein können – zumindest, dass ich nicht mehr zu Hause wohne und den Zirkus nicht mitmachen muss. Die Wörter Urlaub und Campingplatz passen für mich ungefähr so gut zusammen wie Niveau und Ballermann. 

Hund für zehn Euro pro Tag müsste man sein

Empört erzählen mir meine Eltern erst neulich, dass der Hund auf einem Campingplatz an der Nordsee pro Tag zehn Euro kostet. PRO TAG! Dabei kostet ein Erwachsener nur 8,50 Euro. Auf so einen Campingplatz fahren sie nicht in den Urlaub. Während sie von dieser Frechheit erzählen, denke ich mir nur: „Da hat der Hund nochmal Glück gehabt, dass er nicht auf den Campingplatz muss.“

Ihr glaubt, Camping sei entspannt, frei von Zwängen und Regeln? Falsch gedacht! Von der Freiheit bleibt da nicht viel übrig. Schließlich gibt es auch auf dem Campingplatz Regeln. Stellt ein Camper seinen Wohnwagen zu nah an die Parzellen-Grenze, wird er geächtet. Sein Abbild wird noch Jahre danach auf der Liste der unverschämtesten Camper zu sehen sein. „Wir wollen schließlich nicht unseren ganzen Urlaub auf den Wohnwagen unseres Nachbarn schauen müssen!“ Noch wichtiger: Die Grenze muss immer eingehalten werden. Falls sie doch mal überschritten wird, gibt es umsichtige Mit-Camper, die gerne mit dem Zollstock nachmessen.

Ohne Regeln geht’s nicht: Der Knigge fürs Camping

Zwischen 13 und 15 Uhr ist Mittagspause. Das heißt, es ist Ruhe angesagt. Verstanden? RUHE! Ansonsten kann man die Natur gar nicht genießen. Dresscode: Crocs, Jogginghose, ausgeleiertes T-Shirt. Für Ausflüge gibt es die „guten“ Trekkingsandalen, Cargohosen mit Zip-Beinen und einen Rucksack, den man normalerweise nur für eine Alpenüberquerung benötigt. Quentin Tarantino könnte meine persönliche Horrorvorstellung nicht plastischer auf die Leinwand des Lebens bringen.

Als hätte man von den spießigen Nachbarn zu Hause nicht schon genug, fährt man auf einen eingezäunten Platz, um dort dieselben passiv-aggressiven Konflikte auszutragen. Hat man mal die Schnauze voll, muss man in den Camper gehen, in dem es ab 12 Uhr mittags ätzend heiß ist und nach spätestens drei Tagen alle Klamotten gleich muffig riechen.

Den typischen Malle-Urlauber trifft man wenigstens nur am Flughafen, wenn der Flug am selben Terminal zur selben Uhrzeit geht. Oder wenn man selbst auf Mallorca Urlaub macht, mit den deutschen Klischee-Touris in einer Maschine sitzt und für die kommenden zwei Stunden die akustische Belastungsgrenze des menschlichen Gehörs auslotet. Außerhalb seines natürlichen Habitats tarnt sich der Ballermann-Pilger.

Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Jeden Sommer kommt die Invasion der Camper

Camper hingegen vermehren sich exponentiell. Spätestens im Sommer kommen sie aus ihren Winterquartieren – oder dem Dauerparkplatz kurz vor der unübersichtlichen Kreuzung – und werden zu Verkehrshindernissen. Vollbeladen bis zur erlaubten Gewichtsgrenze tuckern Wohnmobil, Kind und Kegel über die Autobahnen. Auf Rastplätzen werden kurzerhand sechs Parkplätze der Länge nach blockiert. Denn ein Camper lässt seinen Freigeist nicht von aufgezeichneten weißen Strichen beschneiden! Er genießt seine wohlverdiente Wurstsemmel und das alkoholfreie Aldi-Bier aus der Plastikflasche, wann und wo er will!

Da bleib ich doch lieber gleich zu Hause. Völlig frei, in Jogginghose, mit ausgeleiertem T-Shirt. Aber wehe der Nachbar hält die Mittagsruhe nicht ein!

Du möchtest mehr von mainDing.de sehen? Dann folge uns fix auf Facebook, Snapchat oder Instagram!