Bei einem Würzburger Bäcker wandern die Kassenbons direkt in eine Tonne. Foto: Manuel Scholze

Würzburg

Gesetzliche Umweltschädigung: Ab sofort hortet Würzburg Kassenbons

(Kommentar) Bei meinem Bäcker um die Ecke gibt es Center Shocks. Diese kleinen supersauren Kaubonbons, die einem bei jedem Bissen die Tränen in die Augen treiben. Kostenpunkt für das Geschmacksinferno im Geldstückformat sind etwa 10 Cent. Für diese gut investierten 10 Cent gibt es seit dem 01. Januar 2020 aber noch ein bürokratisches Extra dazu. Einen Kassenbeleg auf Thermopapier.

Möglich macht es die neue Kassenbon-Pflicht, die auch kleinste Einzelhändler dazu verpflichtet, jeden Kauf per Papier für den Kunden zu belegen. Heißt, auch die Bratwurstbude am Marktplatz muss jedes Mal „Drei im Weggla“ quittieren. Ein Irrsinn? Nein, Gesetz. Die Quittierung soll vor Steuerbetrug schützen. Wer keine passende Kasse hatte, musste zwischen 300 und 500 Euro in ein neues System investieren.

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Dieser Zettelkrieg, den deutsche Einzelhändler jetzt führen müssen, kostet aber nicht nur Geld, sondern schadet der Umwelt. "Im Einzelhandel in Deutschland rechnen wir mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons im Jahr", sagte der Steuerexperte des Handelsverband Deutschland (HDE), Ralph Brügelmann gegenüber stern.de. Gedruckt werden die Belege auf Thermopapier, ähnlich wie bei Kontoauszügen. Für die Umwelt war die Papierart immer schädlich. Untersuchungen des Papiers stellten in der Vergangenheit den  Giftstoff Bisphenol A in den Zetteln fest. Die Belege wurden daher im Müll und nicht im Altpapier entsorgt. Seit 2020 ist dieser Inhaltsstoff zwar stark reglementiert worden, an der zusätzlichen Müllmenge durch das Mehr an Kassenbons ändert das aber nichts.

Manch Einzelhändler vernichten die Kassen-Bons nach Rückfrage direkt

Viele Händler, darunter beispielsweise auch die Würzburger Bäckerei Peter Schmitt, stellen ab sofort extra Abfalleimer zur Verfügung. Andernorts, beispielsweise im Kino oder der Firmenkantine, wird gefragt, ob der Käufer den ausgedruckten Bon benötigt. Bei dem obligatorischen Nein entsorgen es die Mitarbeiter direkt hinter der Theke im Müll. Drucken für die Papiertonne ist schon jetzt die Perversion des Jahres 2020.

Innerhalb kürzester Zeit füllt sich so ein Behälter an einem geschäftigen Tag. Quittiert werden Brot, Krapfen, Salzstangen, Semmeln, Kaffee - schlichtweg alles im Sortiment, egal zu welcher Menge verkauft. Foto: Manuel Scholze

Bordellkunde verlangt Kassenbon und handelt damit gesetzeskonform

Welche Blüten die Bon-Pflicht bereits in den ersten Tagen des Jahres 2020 trieb, zeigt ein Fall aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg. Hier verlangte laut einem aktuellen Polizeibericht der Besucher eines Saunaclubs beim Verlassen des Etablissements nach einem Bon, der die Kosten seines Besuchs dokumentieren sollte. Die Polizei musste den Sachverhalt klären, der Mann erhielt eine handschriftliche Quittung über den gezahlten Eintritt. Gesetzlich lag der Bordellbesucher auf der sicheren Seite.

Was in vielen Ländern weltweit, beispielsweise Italien, schon lange der Fall ist, ist seit 2020 in Deutschland angekommen. Für jede einzelne Ware gibt es jetzt einen passenden Zettel dazu.

Während der staatliche Haushalt profitieren soll, wird damit jeder Kiosk zur eigenen kleinen Müllstation aus Thermopapier. Zeitgeist sieht definitiv anders aus.

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