Amazon
In den USA gibt es ein neues System für Fahrer, das biometrische Daten erfasst. Und auch hierzulande steht Amazon für die Behandlung seiner Mitarbeiter in der Kritik. Foto: Soeren Stache (dpa-Zentralbild)

Kommentar

Amazon, ein Weltkonzern auf dem Weg zur modernen Stasi

(Kommentar) Was für Superman das Kryptonit ist, ist für Gewerkschaften wohl Amazon. Der innovative Versandriese aus den USA verfügt wahrscheinlich über die beste Geschäftsabwicklung der Welt, andererseits aber über bedeutend schlechtere Verhältnisse in Sachen Mitarbeiterfürsorge. 

Der wachsende Arbeitgeber möchte auch hierzulande 5000 weitere Stellen schaffen, ist in Medienberichten vom Montag zu lesen. Prinzipiell eine schöne Sache, von der viele Menschen profitieren könnten. Wer aber für Amazon arbeiten möchte, sollte sich das gut überlegen. Seit Jahren steht der Weltkonzern in der Kritik, besonders mies mit seinen Angestellten umzugehen. Zur Erinnerung: Angestellte sind diejenigen, durch die Geschäftsmodelle erst zu ihrer Umsetzung kommen und ihre Weiterentwicklung erfahren.

An den Haaren herbeigezogen scheinen die Vorwürfe nicht zu sein. 70.000 Menschen unterschrieben eine, von der Gewerkschaft ver.di verbreiteten Petition, in der der Amazon-Mitarbeiter Christian Krähling über seinen Arbeitgeber schreibt:

„Der Job bei Amazon ist hart. Viele Kolleg*innen sagen, sie fühlen sich dabei als Teil einer Maschine. Entsprechend hoch ist die Krankenquote. Muskel- und Skeletterkrankungen und psychische Erkrankungen sind dabei vorherrschend. Amazon arbeitet nach dem Prinzip „Standard Work“, das heißt, alle Arbeitsprozesse werden nach bestimmten Regeln und an jedem Standort gleich durchgeführt. Das System nimmt dabei keine Rücksicht auf die Unterschiede unter den Menschen. Zum Beispiel: Ein kleinerer Mensch arbeitet an einem Tisch, der für ihn eigentlich nicht geeignet ist oder ein älterer Kollege muss genauso viel kommissionieren wie ein jüngerer und so weiter. Viele Kolleg*innen haben innerlich gekündigt.“

Dass sich Amazon diese Form der Behandlung von Mitarbeiter*innen leisten kann, hat offenbar zwei Gründe. Einerseits scheint der Druck am Arbeitsmarkt groß genug zu sein, dass mancher eben keine andere Alternative sieht, als für Amazon zu arbeiten. Andererseits wird das Monster, das wir alle erschaffen haben, durch uns immer größer. Die vielen Amazon-Päckchen, die wir vor den Haustüren stehen sehen, machen es möglich.

Moderne Stasi-Methoden, darunter ein neuer Kameraeinsatz in den USA

Jetzt ist Amazon aber nicht nur im Falle von Arbeitsprozessen besonders harsch, sondern auch in seinen Überwachungsmethoden. Auch dazu nahm Krähling in seiner Petition Stellung: Jeder unserer Arbeitsschritte wird überwacht. Jeder soll möglichst über dem Durchschnitt liegen, doch das ist mathematisch unmöglich!“

Ein neuer Vorstoß in den USA lässt an Stasi-Methoden erinnern, die eben nur technisch noch weiter entwickelt wurden. So sollen bei allen Transportfahrer*innen von Amazon Kameras in die Fahrzeuge eingebaut werden. Diese zeichnen aber nicht, wie die in den USA üblichen Dashcams, für den Falle eines Unfalls mit. Die Kameras sollen Standort, Bewegung und Gesichtsdaten des*der Fahrers*in ermitteln. Die Kameras mit künstlicher Intelligenz reagieren damit auf den*die Fahrer*in, identifizieren ihn*sie und überwachen ihn*sie auf jedem Weg. Während ähnlich arbeitende Müdigkeitssensoren mit Erkennung der Gesichtsmimik in Autos mittlerweile häufig verbaut sind und eigentlich einem guten Zweck dienen sollen, sammelt hier konkret der Arbeitgeber und nicht der Autohersteller die Daten und kann diese – im Zweifel – gegen ihn*sie verwenden. Das klingt nicht nur nach überwachenden Maßnahmen, das ist vollständige Kontrolle über Mitarbeiter*innen.

Wer die Zustimmung nicht unterschreibt muss gehen

Amazon begründete gegenüber dem Vice Magazine die Wahl der neuen Kameras damit, den „Fahrern und Gemeinden zu helfen“. Ein Test habe gezeigt, dass die Zahl der Unfälle signifikant sinke. Auch würde es weniger umgefahrene Straßenschilder oder Fahrten ohne Sicherheitsgurt geben. Vorwürfe, wonach die Kameras auch andere Daten verarbeiten würden, solle man „nicht glauben“. Dass die neuen Kameras für die Fahrer*innen in den USA trotzdem nach dem Friss-oder-Stirb-Prinzip verteilt werden, zeigt eine Klausel in deren Verträgen, die neu unterschrieben werden muss. Vice zeigte in seinem Bericht das Vertragsupdate. Demnach müssen die Fahrer*innen der Nutzung der Kameras und der Möglichkeit der biometrischen Angaben zustimmen. Wer nicht dabei ist, erfährt laut Vice-Bericht eine simple Konsequenz: die Kündigung.

Das System Amazon zeigt, wie wir durch tägliche Bestellungen bei einem XXL-Händler einen riesigen Konzern noch größer machen, der für sein Wachstum natürlich auch immer mehr menschliche Arbeitskraft benötigt. Es ist höchste Zeit, damit aufzuräumen. Entweder durch großzügig angelegte Streiks, die die Situation für Arbeitnehmer verbessert oder eben durch den Boykott des Versandhändlers, der zwar innovative und geniale Dienstleistungen bereithält, menschliche Grundlagen aber anscheinend zunehmend verlernt.

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