Diese fantastische Sängerin müsst ihr euch anhören. Mit Video!

Sie steht in ihrem Wohnzimmer vor einem Mikrofon, hat die Gitarre umhängen und singt: Karoline Schaum aus Schweinfurt, genannt Karo, hat eine unglaublich schöne Stimme. Im Frühjahr 2008 hat sie ihr erstes Album aufgenommen - in Eigenregie.


Ihr rechter Fuß scheint ein Eigenleben zu haben, er bewegt sich ständig: Karo stellt ihn nach vorne, dann stellt sie ihn nach hinten, knickt die Zehen ab. Und wieder nach vorne. Sie ist hochkonzentriert, singt ein paar ihrer eigenen Lieder, aber auch ganz eigene Cover-Versionen. Ihre Stimme verursacht Gänsehaut. Melancholisch klingen einige der Lieder, andere dagegen richtig rockig. Ihr erstes Album erscheint im Januar 2009, herausgebracht von dem kleinen luxemburgischen Label "Lili is Pi". Das Label hat ihr auch die Mikrofone und die Software finanziert, mit der sie die CD produziert hat. "Ich war über die Osterfeiertage überaus produktiv", erzählt Karo, die in einem Mehrfamilienhaus lebt. "Unsere Nachbarn waren nicht da. Da konnte ich ungestört arbeiten." Zwar haben die Nachbarn viel Verständnis, da habe sie wirklich Glück, aber manchmal stören sie eben auch bei der Arbeit: "Eine der Nachbarinnen ist viel auf ihrem Laufband und hört dabei sehr, sehr laut Justin Timberlake. Dann kann ich beispielsweise gar nicht aufnehmen."

Karo
Karoline Schaum macht wunderschöne Musik. Im Januar 2009 erscheint ihr Album. Foto: Main-Post
Der Rollladen klappert Karo hat kein schalldichtes Tonstudio, sondern alle Spuren in ihrem Wohnzimmer aufgenommen: "Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn mal ein Auto vorbeifährt oder im Hintergrund ein Flugzeug zu hören ist. Aber heute würde es zum Beispiel nicht gehen mit dem Aufnehmen. Der Wind ist zu stark, da klappert mein Rollladen." Wenn es gar nicht mehr ging, hat die 27-Jährige den großen Gitarrenverstärker und das ganze andere Equipment in ihren Keller geschleppt. "Ich habe Glück, dass ich so viel Kraft habe", sagt sie. "Denn ich kann den Verstärker ganz alleine tragen." Und der wiegt immerhin knapp 30 Kilo. Auch wenn sie Konzerte spielt, ist es ihr lieber, sie baut ihren Verstärker selbst auf. Gesungen hat Karo schon immer, im Kinderchor, im Kirchenchor, im Schulchor. In der Grundschule hat sie auch Blockflöte gespielt, dann fing mit Saxophon an: "Aber ich bekam ständig Fieberbläschen davon, ich glaube, mein Körper hat sich dagegen gewehrt."

Später will sie in der Schule eine Band gründen, ihre Eltern schenken ihr eine E-Gitarre. Doch aus der Band wird nichts. Erst vor zwei Jahren fängt Karo dann wirklich an zu üben. "Ich kann eigentlich gar nicht so gut Gitarre spielen, nur ein paar einfache Griffe. Aber das bin eben ich, und wem es nicht gut genug ist, der muss ja meine Musik nicht anhören", sagt sie. Sie trägt weite Jeans, einen grünen Kapuzenpulli, keine Anzeichen von Lippenstift oder sonstigem Styling. "Ich war als Kind sehr dick, und habe früh gelernt, dass Aussehen nicht so wichtig ist. Und auch, dass ich nicht so viel Wert auf das lege, was andere sagen." Das hilft ihr jetzt, wenn sie auf der Bühne steht. Und auch, wenn jemand zu ihr sagt: Dein Bühnenoutfit, das geht ja gar nicht. Das habe sie auch schon gehört, und natürlich ärgert es sie, aber sie versucht, solche Bemerkungen nicht an sich herankommen zu lassen.

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CD-Release-Party von Karo am 16. Januar im Jugendkulturhaus Cairo.
Es hat gedauert, bis sie aufgehört hat, nur ihren Freunden in der Küche vorzusingen und sich das erste Mal auf eine Bühne getraut hat. "Den Ausschlag gegeben hat eigentlich, dass ich Singer-Songwriterinnen live gesehen habe. Frauen wie Feist oder Catpower, die nur mit ihrer Gitarre und ihrer Stimme auf der Bühne standen, teilweise sogar richtig falsch gespielt haben, und das Publikum hat sie trotzdem geliebt." Das gibt ihr Mut. Ihr erster Auftritt war bei einem Open-Microphone-Abend. "Es war richtig krass, als ich auf der Bühne stand und gesungen habe, war es plötzlich totenstill im Saal. Sogar die Theker haben aufgehört zu arbeiten."

Ermutigt von dieser Erfahrung, stellt sie ein paar ihrer Songs ins Internet, auf die Plattform MySpace. Und bekommt von einer Frau eine Einladung zu einem Konzert in Frankreich. "Ich habe zurückgeschrieben, dass ich gerne spiele, wenn ich die Fahrtkosten bezahlt bekomme." So kommt es auch, und dieses Konzert bringt ihr auch den Plattenvertrag. Denn ihre selbstgebrannte CD hat die Frau an einen ihrer Bekannten weitergegeben. Und der gründet gerade sein eigenes Label. Auch sonst geht es Schlag auf Schlag: "Ich bekam immer mehr Kommentare auf meiner MySpace-Seite und Einladungen zu Konzerten", erzählt sie. Außerdem begeistert sie die gestrenge Zündfunk-Jury von Bayern2 Radio, wird Band der Woche. Es folgen Interviewanfragen, sie lässt Pressefotos anfertigen und kauft sich, als die alte den Geist aufgibt, eine bessere Gitarre.

Von ihrem Erfolg ist sie selbst überrascht, vor allem davon, dass es eigentlich so einfach ging, so von alleine lief. Ein wenig so, wie das Komponieren ihrer Lieder: "Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen, du hast jetzt drei Monate nichts geschrieben, heute schreibst du ein Lied. Das Komponieren ist mehr intuitiv, ich nehme die Gitarre und bleibe bei den Sachen hängen, die sich richtig anfühlen. Und irgendwann kommen die richtigen Worte dazu." "Ich kann sehr gut kanalisieren" Karos Texte sind alle auf Englisch: "Ich kann einfach nicht die Gefühle, die ich ausdrücken will, auf Deutsch ausdrücken, ohne dass die Leute kotzen müssten." Ihre Lieder handeln oft von Liebe, von Gefühlen. "Das sind nicht alles meine eigenen Erlebnisse. Einmal hat eine Frau das Weinen angefangen, weil sie dachte, die Geschichte in einem Lied wäre mir passiert. Aber ich beschreibe ein Gefühl."

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Das Radio-Zündfunk-Team von Bayern 2 sagt über Karo: "Da braucht man keine Verstärkertürme zum Spielen, keine Dolby-Surround-Anlage zum Anhören, da braucht man nur ein Herz." Foto: Tobias Kühn
Auch wenn man es anhand ihrer Lieder vermuten könnte, Karo ist kein melancholischer Mensch: "Klar bin ich auch mal traurig, aber ich kann das sehr gut kanalisieren, gerade in der Musik." Nur zu Schweinfurt hat die junge Frau, die in Würzburg Germanistik studiert, immer noch ein gespaltenes Verhältnis: "Ich bin vor dreieinhalb Jahren der Liebe wegen hierher gekommen. Und ich kenne hier einfach nicht so viele Leute wie in Würzburg. Aber nur weil man sein Leben in einer Stadt nicht mag, heißt das ja nicht, dass man die Stadt an sich nicht mag." Außerdem könne und müsse man eben versuchen, selbst etwas auf die Beine zu stellen.

TIPP: Wer Karo singen hören möchte, kann sich einige ihrer Lieder unter www.myspace.de/karosings oder unter singoutheart.de anhören - oder eben live, am 16. Januar ab 20.30 Uhr im Jugendkulturhaus Cairo.