Das ist Werner Danz aus Gemünden. Er trägt gerne Strumpfhosen. Foto: Boris Albert

Fetisch oder Modestil? Warum ein Gemündener Strumpfhose trägt

Mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt er im Außenbereich eines Würzburger Cafés. Einen Cappuccino hat er sich bestellt, trotz der 36 Grad Außentemperatur. Werner Danz ist 57 Jahre alt, hat graues Haar, eine schlanke Figur. Ein kleiner Ohrring funkelt an seinem rechten Ohr, wird jedoch von einem anderen Kleidungsstück in den Schatten gestellt. Werner trägt kurze Jeansshorts – keine normalen Männerbermudas, sondern knappe Hotpants.  Besonders gerne zieht er diese über seine Strumpfhosen an, „dafür ist es momentan aber zu heiß“, sagt er.

Heute wird gelacht über Robin Hood und seine Helden in Strumpfhosen, dabei ist diese tatsächlich eine der wenigen Kleidungsstücke, welche die Damenwelt den Herren abgeguckt hat. Die Männer waren es nämlich im Mittelalter, die mit anschmiegsamer Mode ihre muskulösen Beine betonten. Im 21. Jahrhundert sieht das anders aus, für viele gilt die Strumpfhose als vielleicht letzte gesellschaftliche Provokation, die einem Mann kleidungstechnisch bleibt. Werner sieht das anders, er möchte mit dem Tragen der Strumpfhose ein Statement setzen: „Nicht mit dem Strom zu schwimmen, raus aus dem Mainstream zu kommen, raus aus dem Herdentrieb“, sagt er, „da steh ich auch dazu. Das bin ich und so will ich sein.“

Anfänge beim Männerballett

Neben der Mode ist für den gebürtigen Gemündener (Lkr. Main-Spessart) das Kochen und Backen eine große Leidenschaft, daher auch sein Instagram-Name „tightsandbread“, auf deutsch „Strumpfhosen und Brot“. Hier zeigt er Bilder von sich in Strumpfhose, ob auf der alten Mainbrücke oder im Hofgarten in Würzburg, beim Urlauben in der Toskana, oder beim Spazieren auf dem Kreuzberg in der Rhön. Seinen knapp 420 Followern gefällt das. „Ich bekomme eigentlich nur durchweg positive Rückmeldung“, erzählt er und schlürft an seinem Cappuccino.

Angefangen habe das ganze vor etwa 20 Jahren beim Fasching, beim Männerballett klassischerweise. „Damals haben wir eine Frau gebraucht, die mit bestrümpften Beinen auf der Bühne steht“, diese Blöße wollten sich natürlich die testosterongesteuerten Männer nicht geben – bis auf Werner. „Ich hab mich dann bereit erklärt das zu machen. Warum auch nicht? Ist ja nichts dabei, das habe ich vor allem Jahre später wirklich gemerkt“, erinnert er sich. Der damals Mitte 30-Jährige habe dann erstaunlich viele Komplimente für seine Beine bekommen, „so ging das dann also los.“

Irgendwann habe er gemerkt, dass es im Winter recht praktisch sei, unter der normalen Hose eine Strumpfhose zu tragen, „zumindest praktischer, als so eine blöde lange Unterhos‘.“ Nach und nach habe er immer mehr Spaß daran gefunden und empfand es als angenehm zu bestimmten Temperaturen oder Anlässen eine Strumpfhose anzuziehen. Einzige Voraussetzung: die Männernylons sollten wenig, bis gar nicht zu sehen sein, also nur unter anderen, längeren Hosen. „Erst vor einem Jahr hat mich eine Freundin darauf gebracht, Strumpfhosen auch in der Öffentlichkeit zu tragen“, erzählt Werner. Ganz nach dem Motto „Warum eigentlich nicht?“ traute er sich schließlich und ist seitdem stolzer Männernylonträger.

Heterosexueller Mann und Strumpfhosen - Passt das?

Angst, dass Menschen die Bilder auf seinem Instagramaccount für ihren Fetisch nutzen, habe er nicht, für ihn sei das Wort „Fetisch“ auch nicht greifbar: „Wo fängt das an? Wo hört das auf? Das konnte mir noch niemand so richtig erklären.“ Einen sexuellen Hintergrund habe das Tragen der Nylonware jedenfalls nicht, weder für ihn, noch für seine Lebensgefährtin.

Nun also zur vielleicht wichtigsten Frage: dem Warum? Warum trägt ein heterosexueller Mann, der auch froh ist, ein Mann und keine Frau zu sein, freiwillig und gerne Strumpfhosen in der Öffentlichkeit? Dies kann der Hobbykoch schnell und einfach beantworten. Für ihn ist das ein ganz normales Kleidungsstück. „So wie andere morgens vor dem Kleiderschrank stehen und überlegen, ob sie heute die lange blaue Hose oder ein weißes T-Shirt tragen möchten, so mach ich das eben auch, nur dass ich auch Strumpfhosen in der Auswahl habe.“ Deshalb laufe er auch nicht jeden Tag in der Strumpfware herum, nur eben wenn er gerade Lust und Laune darauf hat. „Mich ärgert schon lange, dass Männermode so unspannend ist. Sie geht von braun über schwarz, kurzes T-Shirt, länger geschnittenes Shirt, man hat keine große Auswahl. Bei Frauen ist das anders, die können alles anziehen, was sie wollen, sie haben viel mehr Möglichkeiten.“

Partnerin als große Unterstützung

Mit dem sogenannten Cross-Dressing hat das ganze jedoch nichts zu tun. Zur Erklärung: Cross-Dressing bezeichnet das Tragen der spezifischen Bekleidung des anderen Geschlechts. Werner beschränkt sich einzig und allein auf die Strumpfhose als weibliches Kleidungsstück.

Zehn bis 15 Strumpfhosen besitzt er momentan. Die seiner Partnerin rührt er jedoch nicht an, „da hat jeder seine eigenen“, sagt er grinsend. Bei ihr kommt das Tragen der Elasthannetze übrigens gut an, sie akzeptiert es und unterstützt Werner dabei. „Das finde ich schön und vor allem wichtig, wäre es anders, würde es die Beziehung schon belasten.“

Schließlich sei er auch kein Teil einer Szene oder bestimmter Foren.  Die Strumpfhose sei auch kein Hobby, sondern schlichtweg ein Accessoires seines Kleidungsstils. Den einzigen Kontakt mit Gleichgesinnten habe er auf Instagram, mit den Followern seines Profils. Werner sei ein ganz normaler Mann, betont er. Nur eben mit dem Hang zu Strumpfhosen. Aber was ist schon normal heutzutage?