Clubhouse ist nicht besser als der Schulhof von damals
Die App Clubhouse ist wie eine Zeitreise in die Jugend, als der Schulhof bestimmt wurde von Cliquen und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Foto: Moore Media (iStockphoto)

WÜRZBURG

Clubhouse ist kein bisschen besser als der Schulhof von damals - oder doch?

(Ein Kommentar) Die Corona-Krise hat uns geschafft. Was zu Beginn noch ein klinisch auffälliger Tatendrang war, eine neue Sprache zu lernen, ein Sixpack zu trainieren oder einfach nur Klopapier und Nudeln zu hamstern, ist jetzt Lethargie und Motivationsverlust gewichen. Die Menschen können allmählich nicht mehr durchhalten und sich zusammenzureißen. Es soll alles wieder so werden wie früher. Das haben wir uns gewünscht. Und das Jahr 2021 hat es uns gegeben. Clubhouse. Eine gehypte Audio-App. Aber wie heißt es so schön: Man muss mit seinen Wünschen vorsichtig sein, sie könnten wahr werden.

Clubhouse hat uns ein Stück weit die „gute alte Zeit“ zurückgegeben. Mit dem Unterschied, dass uns Clubhouse in eine Zeit versetzt, die nicht gut war. Vereinfacht gesagt, ist Clubhouse wie eine Zeitreise zurück in die Pubertät. Es ist der digitale Schulhof von heute. Auf der einen Seite sind die Cliquen der Cool Kids. Auf der anderen Seite sind die, die gerne so wären oder zumindest nicht verpassen wollen, was die Selbstdarsteller*innen zu sagen haben.

FOMO im Lockdown: Mit Clubhouse kommt die Angst, etwas zu verpassen

Allerdings endet der soziale Druck nicht mit dem erlösenden Schulgong oder nach einer Schulbusfahrt, die ganz klaren Hierarchien unterworfen ist. Mit der App Clubhouse kommt der Schulhof in unser Zuhause. Hatten wir in den vergangenen Monaten immerhin keine FOMO (Fear of missing out), weil es einfach nichts zu verpassen gab, ist dieser positive Nebeneffekt der Pandemie durch Clubhouse schlagartig vorbei. Doch es ist nicht alles schlecht an Clubhouse.

Wenn man nur lange genug sucht, findet man Talks mit wertvollem oder unterhaltsamem Input. Es können Gespräche mit Promis, Politiker*innen, Influencer*innen auf Augenhöhe stattfinden – sofern die Moderator*innen das zulassen. Und man kann jederzeit einen Room lautlos verlassen mit dem „Leave quietly“-Button. Wenn es den doch auch für die nächste unangenehme Pflichtveranstaltung geben würde.

Elitärer Club nur für eine geschlossene Gesellschaft

Dennoch scheinen die Kritikpunkte an Clubhouse zu überwiegen. Datenschutz, Sicherheitslücken, fehlende Barrierefreiheit, fehlende Moderation seitens der Betreiber*innen, was freie Bahn für Diskriminierung, Rassismus, Hatespeech oder triggernde Inhalte bedeutet. Was jetzt noch fehlt für einen elitären, exklusiven Club? Er ist nur für geladene Gäst*innen. Auch daran hat Clubhouse gedacht. Die App gibt es zurzeit nur fürs iPhone und man muss von einem*einer anderen User*in eingeladen werden.

Erst kürzlich hat Late Night Berlin in einem humoristischen Video gezeigt, wie Clubhouse im echten Leben aussehen würde. Fazit: „Alles, was du dafür brauchst ist ein iPhone und zu viel Freizeit.“ Denn genau wie die früheren Bemühungen zu den beliebten Trittbrettfahrer*innen zu gehören – bei denen schon das kleinste Machtgefühl dafür gesorgt hat, dass der präfrontale Cortex nicht mehr korrekt arbeitet – verschlingt Clubhouse jede Menge Zeit.

Clubhouse ist das Revival der schlechten Partys aus der Jugend

Und ich nehme mich keinesfalls von dem Hype aus. Ich habe ein iPhone, bekam eine Einladung und habe einige Stunden Lebenszeit verschwendet. Bis mir klar wurde, dass Clubhouse nichts anderes ist als die immer gleichen Partys aus meiner Jugend. Vermeintlich coole Partys, zu denen ich unbedingt eingeladen werden wollte. Aber das einzige, was ich danach sagen konnte, war: Ich war dabei. Weil die Party weder hip noch cool war. Dort waren Menschen, die ich teilweise nicht kannte oder nicht mochte. Oder die ich an dem Abend mochte, die mich aber spätestens am Montag in der Schule nicht mehr zu kennen schienen.

Und schließlich finde ich mich 2021 in einem Room bei Clubhouse wieder, wo ich einer Elisa dabei zuhöre, wie sie von einem angeblichen Horror-Date erzählt, bei dem sich aber in Wahrheit nicht ihr Date-Partner, sondern sie sich total daneben benommen hat. Die anderen Speaker*innen bekräftigen ihr Verhalten mit zustimmenden Lachern oder einem „You go girl“.

Der Notausgang ist nur einen Klick entfernt

In einem anderen Room werde ich auf einmal ungefragt von einem Moderator auf die Bühne geholt, weil es „total witzig“ sei, wenn jetzt „jeder mal was von sich erzählt“. Diese Momente versetzen mich zurück ins Klassenzimmer mit jenen Lehrer*innen, die „witzige“ Fragerunden mit einem Ball inszenierten. Anstatt den Ball nur Schüler*innen zu zuwerfen, die sich meldeten, wurde der Ball vor allem jenen zugeworfen, die versuchten unsichtbar zu werden.

Den Ball an sich abprallen zu lassen oder auszuweichen waren übrigens keine sehr erfolgreichen Schutz-Strategien. Dieser Ball von damals war für mich das, was der Brautstrauß-Wurf auf Hochzeiten für mich heute ist: beschämend – wenn auch aus anderen Motiven.

Clubhouse ist im Grunde genommen nichts anderes als der Schulhof von damals oder die Party aus der Jugend. Aber während wir als Teenager*innen oft noch nicht die Möglichkeit hatten, einfach zu verschwinden, ist bei Clubhouse die Lösung nur einen Button entfernt: Leave quietly.

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