Unser Sorgenkind der Woche: der Fair-Teiler Würzburg Foto: Screenshot Facebook

Würzburg

Liebe Würzburger FAIR-Teiler-Mitglieder, wo ist euer Anstand?

Teilen ist eine super Sache. Vor allem wenn es noch fair passiert, wie es in der Facebook-Gruppe „FAIR-Teiler Würzburg neu“ beabsichtigt ist. Das ist leider nicht immer so, wie unsere Autorin erlebt hat (es folgt ein Kommentar).

Man hat ein altes Möbelstück, Geschirr oder eine Jacke, die man nicht mehr möchte, aber noch in einem so guten Zustand ist, dass der Müllcontainer kein würdiger Platz wäre. Dafür ist diese Gruppe gedacht. Jemand stellt einen Artikel mit einer kurzen Beschreibung ein und verlangt dafür einen fairen Preis oder verschenkt ihn sogar. Der einzige Haken: einige Mitglieder in der Gruppe.

Sozialen Netzwerken eilt ja der Ruf voraus, dass durch sie die Kommunikation verkommt. Wer dieses Klischee bestätigen will, stellt einen Artikel in diese Gruppe ein. Denn Anstand ist für einige User ein Fremdwort. Nach kurzer Zeit erhält man Nachrichten und Kommentare wie „Noch da?“ oder „Wie viel?“. Ganze Sätze? Fehlanzeige. Auch unterhaltsam, aber wenig zielführend sind Kommentare wie „Bitte PN“. Ich als Anbieter soll dem Interessenten neben dem offiziellen Angebot in der Gruppe noch eine private Nachricht schreiben? Für was? Um ihn von dem Artikel endgültig zu überzeugen?

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Und dann ist da noch die Sache mit Geschenken. Erst kürzlich habe ich rund 40 Umzugskartons verschenken wollen. Natürlich kann nicht jeder so viele Kartons gebrauchen. Dennoch könnte man auch nur einen Teil für den eigenen Umzug verwenden und den Rest weiterverschenken, wegwerfen oder von mir aus auch an die Wand kleben.

Danke für das Geschenk, aber…

Gleich zu Beginn schrieb mir eine junge Frau. Nennen wir sie Nina*. Nina wollte alle Kartons nehmen und sie abholen, am Montag um 18 Uhr. Ich nannte ihr also die Adresse und freute mich, dass die Kartons so schnell vergeben wurden. Einige Stunden später kam dann die Nachricht: „Hey, meiner Mutter sind es zu viele. Könnten wir auch nur 15 oder so mitnehmen.“ Daraufhin sagte ich ihr ab. Die Antwort kam prompt: „Aber wenn Leute auch noch am Montag um 10 Uhr können?“ Das ist FAIR-Teiler-Sprache und heißt so viel wie: „Was wenn am Montag auch noch andere Leute 10 Kartons nehmen wollen?“ Und was ist damit, dass ich nicht zig verschiedenen fremden Leuten meine Adresse nenne und dann noch verschiedene Termine in meine Freizeit lege, damit dann mal zwei oder fünf Kartons abgeholt werden?

Wozu eigentlich die Diskussion? Es geht hier nicht um einen Gefallen, den man einem Bekannten schuldig ist. Man holt nicht widerwillig einen kostenlosen Artikel bei jemandem ab, weil man ein so zuvorkommender Mensch ist. Es ist ein GESCHENK! Und nicht mal so eines, das man zu Weihnachten von seiner Patentante geschenkt bekommt und dann so tun muss, als würde man den lila-glitzernden Hirschen ganz fabelhaft finden. Dieses Geschenk sucht man sich selbst aus und profitiert noch davon. Man bedankt sich dafür - und versucht nicht noch bessere Konditionen herauszuschlagen.

Möbelaufbau ist nicht inklusive

Ebenfalls der falsche Ansatz ist es, den Verschenkenden mit einem Monteur zu verwechseln. Dieses Mal ging es um eine Kommode. Einen weiteren Auf- und Abbau hätte sie nicht überlebt. Deshalb habe ich angeboten, sie im Ganzen abzuholen. Mit dem Hinweis: Das Auto muss dafür groß genug sein. Die Maße standen ebenfalls dabei.

15 Minuten nach dem vereinbarten Termin kam die Nachricht, dass sich Anja* – die Abholerin – verspätet. Schließlich sind 15 Minuten ja noch keine Verspätung. Als es an meiner Tür klingelte, stand da eine Erstsemester-Studentin mit Lackschuhen und schicker Bluse zusammen mit ihrer Mutter, deren rechter Arm verbunden war. Wer die Kommode aus dem ersten Stock tragen würde, war damit also auch schon klar.

Doch noch besser als das Business-Outfit zum Möbeltragen waren die großen Augen der Beiden beim Anblick der Kommode. „Die ist aber ganz schön groß. Ich weiß nicht, ob die ins Auto passt, Anja.“ Darauf fragte mich die Mutter, ob ich nicht einen Zollstock parat hätte. Was ich nicht hatte. Ich war bereits umgezogen und die Wohnung leer – was nicht zu übersehen gewesen ist. Anja gab mir zu verstehen, dass ich schlecht vorbereitet sei und fragte, ob ich denn wenigstens Werkzeug hätte, um die Kommode auseinander zu bauen. Ich verschenkte also eine Kommode und bekam Vorwürfe zurück.

Ein Kleinstwagen als Möbeltransporter

Getoppt wurde das Szenario nur noch vom Auto. Es war ein Hyundai 10. Ein Kleinstwagen, der aussieht wie ein Smart für vier Personen. Schon von weitem war mir klar, dass in dieses Auto niemals meine Kommode passen wird – außer vielleicht nach dem Einsatz einer Kettensäge. Und diese Erkenntnis hätte jeder Mensch gehabt, der nur halbwegs ein räumliches Vorstellungsvermögen besitzt. Die Mutter wollte es dennoch versuchen. Meine Hinweise, dass das nicht funktionieren werde, konterte sie mit: „Das Auto ist sehr geräumig. Das passt auf jeden Fall hinein.“

Manchmal versetzt der Glaube ja Berge. In diesem Fall allerdings nicht. Die Kommode passte nicht ins Auto. Weder durch den Kofferraum noch durch die hintere Beifahrertür. Ich machte Mutter und Lackschuh-Anja klar, dass die Kommode jedoch nicht mehr in meine Wohnung zurückkomme. Fünf Minuten später ging ich. Am nächsten Tag war die Kommode verschwunden. Und mit ihr auch meine Begeisterung etwas in Facebook-Gruppen zu verschenken. Fairness und Anstand bedingen einander also mehr, als mir bislang bewusst war. Aber manchen Nutzern fehlt auch einfach nur der FAIRstand.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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