Joko und Klaas
Joko Winterscheidt (l) und Klaas Heufer-Umlauf haben mit einem 15-minütigen Video viele Zuschauer schockiert und aufgerüttelt. Foto: Henning Kaiser (dpa)

WÜRZBURG

Joko und Klaas schocken mit Ausstellung über sexuelle Belästigung

(Kommentar) Nur 15 Minuten dauert der TV-Clip, der am Mittwochabend zur Primetime um 20.15 Uhr auf ProSieben gezeigt wurde. Doch diese 15 Minuten reichen aus, um dem Zuschauer eine traurige Realität näherzubringen und spätestens am Ende die Kehle zu zuschnüren. Die kurze Fernsehsendung thematisiert sexuelle Belästigung von Frauen. „Männerwelten“ heißt die aufrüttelnde TV-Ausstellung.

Produziert wurde das Video von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in Kooperation mit der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes und der Instagramseite Antiflirting. Am Dienstag hatten die beiden die Sendung „Joko und Klaas gegen ProSieben“ für sich entschieden und 15 Minuten zusätzliche Sendezeit bei ihrem Arbeitgeber erspielt.

Video startet gewohnt lustig – und wird schnell ernst

Zunächst beginnt die TV-Sendung witzig wie gewohnt. Für das Intro wurde tief in der Kiste der Geschmacksverirrungen der 90er-Jahre gewühlt: Animationen in Powerpoint-Manier, Regenbogenfarben und eine Explosion. Dann kippt die Stimmung schlagartig. Die Journalistin Sophie Passmann steht in einem verlassenen Industriegebäude und moderiert die Show.

Joko und Klaas tauchen in den 15 Minuten kein einziges Mal auf. Genauer gesagt, wird gar kein Mann in dem Video gezeigt – zumindest nicht im Ganzen. Gestaltet ist die Sendung wie eine Kunstausstellung. Dabei ist der Titel „Männerwelten“ an die Wanderausstellung „Körperwelten“ angelehnt. Dort werden plastinierte, menschliche Körper gezeigt. Schnell macht Sophie Passmann dem Zuschauer deutlich: „Vielleicht ist es sogar die gruseligste aber auch nötigste Ausstellung der Welt.“ In „Männerwelten“ geht es um etwas weitaus dramatischeres als leblose Exponate. Es geht um sexuelle Belästigung.

Ungewollte Sammlung an Dick Pics

Wir Frauen erleben sie tagtäglich. Im Internet. Im Club. In der Schule. In der Arbeit. Auf der Straße. Daheim. Im ersten Raum trifft die Moderatorin auf Palina Rojinski. Sie ist unter anderem aus Shows um Joko und Klaas bekannt und zählt über 1,8 Millionen Follower auf Instagram. Die schicken ihr nicht nur nette Nachrichten. In ihrem Postfach laufen regelmäßig Dick-Pics ein – Bilder von Penissen. Was sich womöglich lustig anhört, ist in Wahrheit sexuelle Belästigung. Palina Rojinski enthüllt mehrere Bilder, auf denen männliche Genitalien zu sehen sind. 

Doch bei Dick Pics ist noch lange nicht Schluss. Die Moderatorinnen Jeannine Michaelsen und Visa Vie sowie Model Stefanie Giesinger lesen Kommentare über sich aus sozialen Netzwerken vor: „Wenn ich ihr eine Aufgabe stellen könnte, dann wäre es blasen.“ „Die Frau soll die Fresse halten und ihm einen lutschen. Dann wäre das Video immerhin die Klicks wert.“ „Viel zu dünn. Die bricht bestimmt durch, wenn man ihr ordentlich im Bett gibt.“

Im weiteren Verlauf der Sendung werden Chats vorgelesen, in denen Männer Frauen schöne Augen machen. Die Frau lehnt dankend ab. Darauf bekommt sie Antworten wie: „du bist hässlich“, „fette Schlampe“ und „erhäng dich“.

Sexuelle Belästigung gibt es nicht nur auf Facebook, Instagram und Co.

Bedrohliche, elektronische Klänge unterstreichen nur die knallharte Dramatik, die in den Worten, den gezeigten Bildern steckt. Der Zuschauer sieht und hört die unzensierte Wahrheit. Brutal, ungeschönt, real. Für die Frauen darunter ist das nichts Neues. Dass es sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe natürlich auch außerhalb des Internets gibt, zeigen die letzten fünf Minuten des Videos. Frauen erzählen von ihren Erlebnissen mit übergriffigen Männern: der Taxifahrer, fremde Männer im Fahrstuhl, ein Date.

Schon als kleine Mädchen lernen wir, dass wir uns vor fremden Männern hüten sollen. Der Nachhauseweg im Dunklen wird zum Überlebenstraining. Man bereitet sich darauf vor, einen Angreifer mit dem Schlüssel in der Hand abwehren zu müssen. Fast jede zweite Frau in Deutschland hat schon einmal sexuelle Belästigung erleben müssen. Und fast jede siebte Frau im Land ist von sexueller Gewalt betroffen. Zahlen, die betroffen machen. Dass hinter diesen Zahlen echte Menschen stecken, zeigt „Männerwelten“ von Joko und Klaas in den letzten zwei Minuten.

Kleidungsstücke, die einen zu Tränen rühren

Weder ein Kleidungsstück, noch eine Verhaltensweise oder die Art zu tanzen geben jemanden das Recht darauf, einen anderen Menschen zu vergewaltigen, ihm dieses Leid anzutun. Dennoch geschieht es. „Was hattest du an?“ Das ist vermutlich eine der häufigsten Fragen, die Frauen gestellt wird, die vergewaltigt wurden. Und genau das wird am Ende des Videos gezeigt: Kleidungsstücke, die Frauen bei der Vergewaltigung getragen haben. Jeans und T-Shirt, ein Badeanzug, eine Arbeitsuniform, das Abiballkleid, ein Schlafanzug.

Spätestens am Ende der 15 Minuten stockt dem Zuschauer der Atem, die Augen füllen sich mit Tränen. „Männerwelten“ ist emotionaler als ein Drama und abscheulicher als jeder Krimi. Die Ausstellung zeigt den Alltag von uns Frauen. Damit haben sich Joko und Klaas mit ihrem Team einem Thema gewidmet, das in dieser Form selten bis nie an so prominenter Stelle angesprochen wird. Sexuelle Belästigung, sexuelle Nötigung, sexuelle Gewalt. Sexismus hat viele Gesichter – genauso wie die Täter. Lasst uns nicht länger in diesen Männerwelten leben.

Hier seht ihr das Video in voller Länge:

Hilfe für Betroffene

Wenn ihr von sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt betroffen seid, findet ihr hier Hilfe:

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