Timo Crass, Tätowierer aus Würzburg, hat regelmäßig mit "Cover-Ups" von selbstgestochenen Tattoos zu tun. Foto: House of Pain

Würzburg

Selbst tätowieren: Wirklich eine gute Idee?

Die Hersteller:innen werben mit einer Menge kleiner Dosen, hübschen Metallköfferchen und elegant wirkenden Metallmaschinen. „Professionelle Tattoosets“ steht darunter. Gemeint sind Nadelmaschinen und Farbe, die teils schon für unter 50 Euro online erhältlich sind. Der Markt für die Selbstverwirklichung unter der eigenen Haut wird größer, immer mehr Menschen nehmen das Stechen selbst in die Hand. Doch was die Sets wirklich beinhalten, ist oft fraglich.

Timo Crass, Tätowierer aus Würzburg, ist unser Tattooexperte in dieser Ausgabe. Er hat zwei Sichtweisen auf den Trend.

1. Tattoos ohne Aufklärung

Tattoos seien zwar stark akzeptiert, allerdings nicht überall. Tattoos an Händen und am Hals können Job-Stopper sein. Wer sich diese in einer spontanen Aktion selbst sticht, ohne genügend über Konsequenzen aufgeklärt worden zu sein, könne sich dadurch einen Teil seiner Zukunft verbauen, weiß der Inhaber des Tattoostudios „House of Pain“ in Würzburg.

2. Vermehrte Nachfrage nach Cover-Ups

Der Trend zum Selbsttätowieren ist für Timo Crass wiederum „supercool“, denn er bringt ihm eine Menge Kund:innen. „Die kommen zu mir, weil sie Cover-Ups brauchen. Also Überdeckungen der selbstgestochenen Tattoos, die ‚scheiße geworden‘ sind.“

Der Rat vom Profi wird durch diese beiden Sichtweisen schnell deutlich. Selbsttätowierungen können zwar handwerklich klappen, sind aber auf keinen Fall ratsam. Das liegt nicht nur an der wenigen Erfahrung und der vielleicht mangelhaften Gabe, ein Tattoo mit einer Maschine zu gestalten. Es liege auch an den Tattoosets und Hygienestandards, sagt Timo Crass. Denn während es im Studio oft „hygienischer als in der Arztpraxis“ zuginge, können sich Tattoos, die im weniger sterilen Umfeld entstehen, schnell entzünden.

Hochwertige Tattoo-Farbe gibt es nicht bei Amazon

„Es kann jeder Scheißdreck im Internet bestellt werden. Wir kaufen aber nur bei Geschäften ein, die nur an Tätowierer:innen verkaufen. Dazu zählen die Maschinen auf Wish und Amazon nicht.“ Die Gefahr liegt vor allem in der Farbe. Manche Komplett-Tattoosets für den Privatgebrauch seien so günstig, dass professionelle Tätowierer:innen sich für denselben Betrag gerade einmal zwei bis drei ihrer Farben kaufen könnten.

„Die Farbe, die wir benutzen, kostet richtig viel Asche. Die ist in Europa getestet und erlaubt.“ Bei den oftmals in Asien hergestellten Sets ist das nicht immer klar. Denn wer Tattoos gewerblich anbietet, wird strenger geprüft. Was von Hersteller:innen direkt an Online-Besteller:innen geht, ist nicht so streng kontrolliert. „Da kann Blei oder was weiß der Teufel drin sein.“

Nur weil Selbststechen funktioniert, ist es nicht unbedingt gut

Google spuckt zwar Verhaltenstipps aus wie „Sonnenbrand und Solarium sind schlecht für frisch gestochene Tattoos“, aber professionelles Know-how ersetzt keine Internetsuche. Von selbstgestochenen Tattoos kann der Körper leiden, denn kaum ein Laie, der selbst Farbe unter seine Haut bringt, kennt sich gut aus. Beispielsweise können ungeprüfte Farben schädliche Substanzen beinhalten. „Wusstest du, dass man sich auch theoretisch mit Ketchup tätowieren kann?“, fragt Timo. „Alles funktioniert irgendwie, aber das meiste ist halt schlecht.“

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