Würzburg nach den Corona-Lockerungen
Auch um Milliardär Bill Gates gibt es eine krude Verschwörungstheorie. Das Foto stammt von einer Corona-Demo in Würzburg. Foto: Daniel Peter

Würzburg

Verschwörungstheorien im Freundeskreis: So reagierst du richtig

Zwangsimpfungen, Mikrochips und düstere Mächte: In der Corona-Pandemie kursieren eine Menge komischer Verschwörungstheorien. Professor Markus Appel von der Uni Würzburg ist Experte für dieses Thema. Wir haben mit ihm gesprochen, wie man am besten auf Verschwörungstheorien reagiert.

Frage: Herr Professor Appel, warum sind denn Verschwörungstheorien gerade so unglaublich verbreitet?

Markus Appel: Wir leben in einer Zeit, in der große Unsicherheit vorherrscht – auch bei Wissenschaftlern. Die Leute fragen sich, woher dieser Virus kommt und wie lange diese Situation noch dauern soll. Sie fürchten sich aber auch vor persönlichen Konsequenzen, zum Beispiel davor, dass sie ihren Job verlieren. Diese komplexe und unangenehme Gemengelage lässt sich einfach klären, wenn man an Verschwörungstheorien glaubt. Diese bieten auch schnelle Lösungen an, wie beispielsweise eine Inhaftierung von Bill Gates. Damit lässt sich die eigene Ohnmacht vermeintlich beseitigen. Und das motiviert wiederum, etablierte Medien deutlich kritischer zu sehen und über Unstimmigkeiten in der eigenen Weltsicht hinwegzusehen.

Unterscheidet sich die Pandemie in Bezug auf Verschwörungstheorien von anderen Krisen?

Markus Appel: Es ist eine massive Ausnahmesituation. Denken wir an die Anschläge vom 11. September. Das hat unsere westliche Gesellschaft stark durchgerüttelt. Und heute noch fragen Verschwörungstheoretiker: "Wer hat das wirklich orchestriert?" Aber wenn das ein Durchrütteln war, stellt die Corona-Zeit uns völlig auf den Kopf. Das übertrifft jede Krise, die viele jemals erlebt haben. Niemand hätte vor einem halben Jahr damit gerechnet, dass wir einen Mundschutz brauchen würden, um in den Supermarkt zu gehen. Das Ausmaß an Verschwörungstheorien nimmt zu, je stärker die Umwälzung ist.

Professor Markus Appel von der Uni Würzburg ist Herausgeber des Buches: "Die Psychologie des Postfaktischen: Über Fake News, Lügenpresse, Clickbait & Co." Foto: FOTOSTUDIO BALSEREIT

Wie sieht ein sinnvoller Umgang mit Menschen aus, die Verschwörungstheorien verbreiten?

Markus Appel: Es kommt darauf an, wie stark das Gegenüber an so eine Theorie glaubt. Wenn Ihnen jemand ein Video oder einen Artikel weiterleitet, kann das unterschiedliche Gründe haben. Es gibt die Verunsicherten, die nur wissen wollen, was ihre Freunde und Familien dazu meinen. Und dann gibt es andere, die schon sehr festgefahren sind. In jedem Fall würde ich einen respektvollen Ton wählen. Wenn man jemanden anfeindet, führt das nur dazu, dass er nicht zuhört und sich vielleicht lieber in Kreisen aufhält, in denen man für solche Postings Schulterklopfen erhält. Ignorieren sollte man das aber auch nicht. Denn das kann als implizite Zustimmung der schweigenden Mehrheit verstanden werden – selbst wenn es in Wirklichkeit heißt: "Lass mich in Ruhe mit diesem Quatsch." Gerade wenn solche Theorien in einer Whats-App-Gruppe geteilt werden, ist es sinnvoll auf seriöse Informationen und Faktenchecks zu verweisen. Denn es lesen ja mehrere Personen mit, die sich vielleicht für die Hintergründe interessieren.

Diese Mythen kommen ja aus allen Ecken: Rechte, Linke, Esoteriker und katholische Geistliche. Wie finden die zusammen?

Markus Appel: Verschwörungstheoretiker sind sicher eine heterogene Gruppe, und einzelne kommen auch aus dem linken Spektrum. Aber aus wissenschaftlicher Perspektive ist der überwiegende Teil tatsächlich im rechtsvölkischen Lager zu verorten. Viele Studien zeigen, dass es eher Personen sind, die politisch rechts stehen, die Fake-News in sozialen Medien teilen. Dahinter steckt eine große Skepsis gegenüber der Wissenschaft und Medien. Und damit geht auch eine kritische Haltung gegenüber der Coronapolitik einher. Sie verstehen sich als Gegenöffentlichkeit.

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