Chaminda Perera aus Würzburg ist aus der IT-Branche ausgestiegen. Foto: Ulises Ruiz

Würzburg

Glück statt Cash: Dieser Würzburger entschied sich gegen das große Geld

Höhere Verkaufsziele erreichen, mehr Kunden gewinnen, höhere Provisionen erzielen - das verbindet Chaminda Perera (46) mit seinem Leben in der IT-Branche. Irgendwann aber hatte er genug vom ständigen "höher, schneller, weiter" und stieg aus. "Ich war gesättigt und kündigte", erzählt der Fahrradkurier aus Würzburg, "obwohl ich gar keinen Plan für meine Zukunft hatte."

Am Vierröhrenbrunnen in Würzburg lehnt sich Perera gemütlich auf den Sattel seines lila Lastenrads. An bis zu fünf Tagen der Woche fährt er für seinen selbst gegründeten Fahrradkurier Radius in und um Würzburg Aufträge aus. Meistens sind es Medikamente, Post oder Essen. Manchmal gäbe es für ihn und seine Mitarbeiter aber auch kuriose Auftragsbestellungen wie Flachbildfernseher oder Sex-Artikel, gibt er mit einem ruhigen Lachen zu.

Vollbart und Shirt statt Rasur und Hemd

"In meinem früheren Job trug ich immer kurzes, gekämmtes Haar und täglich ein Hemd. Meine Wangen waren immer makellos rasiert", sagt er.

Perera kam auf Sri Lanka zur Welt. Als er 18 Jahre alt war entwickelte sich sein Vater, ein Gewerkschafter, während politischer Unruhen im Land zunehmend zur Zielscheibe politischer Gegner. Daher entschied die Familie nach Deutschland zu fliehen. Hier lernte er Deutsch, bestand das Abitur, startete ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, brach es ab und begann Anfang der 2000er Jahre im Verkauf und Marketing des damals größten Handy-Herstellers der Welt, Nokia, zu arbeiten. Die Handys haben sich damals von selbst verkauft

Spielerisch und mühelos verkaufte er Handys und Mobilfunkverträge in Elektromärkten, in Einkaufszentren oder auf Messen. "Es passierte einfach von selbst. Ich habe mit meiner positiven Art schon immer Leute angezogen und mochte diesen menschlichen Austausch", sagt er.

Chaminda Perera machte Karriere bei Nokia

Seine Vorgesetzten erkannten sein Verkaufstalent. Er wurde zuerst zum Regionalleiter befördert - Prämien und Gehalt stiegen. Später verantwortete er als Projektleiter den Einstieg eines neuen Produkts auf dem deutschen Markt. Besonders stolz machte es ihn, so erzählt er heute, wenn er mit seinem BMW-Dienstwagen bei seinen Eltern vorfuhr. Der Traum eines jeden Aufsteigers: Mit deutscher Karosse, dem Symbol für Wohlstand und Erfolg, den Eltern, Nachbarn und Freunden zeigen zu können: Ich habe es geschafft!

Chaminda und der Tod seines Vaters

Doch als sein Vater 2006 starb, verschwand der Drang, sich beweisen zu wollen. Die Bedeutung der Arbeit als Lebenssinn fiel weg und sein Verkaufsmotor stotterte. "Meine Chefs und Kollegen kamen damals auf mich zu und fragten, was mit mir los sei. Man könnte es wohl Burnout nennen", sagt er.

Er kündigte und lebte vorerst vom Ersparten. Als das Geld knapp wurde, stieg er auf das Rad und begann an seinem damaligen Wohnort Bremen als Fahrradkurier zu arbeiten. Kurze Zeit später, 2008, zog er zu seiner damaligen Freundin nach Würzburg und fand in der Würzburger Kurier-Szene seine neue Heimat.

Happy auf dem Fahrrad statt vor dem Rechner: Chaminda Perera hat sich als Fahrradkurier selbstständig gemacht. Foto: Ulises Ruiz

"Es zählt nicht, was im Lebenslauf steht“

"Viele von uns Fahrradkurieren sind Exoten, Aussteiger oder die vermeintlichen 'Loser' der Gesellschaft", sagt Perera mit einem ruhigen Lächeln und nahezu verschwundenen sri-lankischem Akzent. "Es zählt nicht, was im Lebenslauf steht. Es kommt mehr auf das Menschliche an."

2012 gründete er und mit einigen Würzburger Kurier-Kumpels seinen eigenen Kurierdienst Radius. Zuerst hatten sie nur acht Mitarbeiter, mittlerweile zählt die Firma an die 33 Fahrradkuriere. Täglich fahren sie rund 200 Lieferungen für Privat- und Geschäftskunden im Großraum Würzburg aus. “Unsere Kunden sind häufig davon überrascht, dass wir Fahrradkuriere auch gute Laune verbreiten können", verrät er mit einem Schmunzeln.

Chaminda Perera verdient mittlerweile deutlich weniger als damals. Für den 46-Jährigen kein Problem. Schließlich ist es ihm heute viel wichtiger, ein achtsames und glückliches Leben zu führen.

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