Ihre "Cyborg"-Hand ist eine Prothese, mit der die Würzburger Psychologie-Studentin Greta Niewiadomski eine Menge machen kann. Beispielsweise fotografieren. Foto: Greta Niewiadomski (privat)

Würzburg

Leben mit Handprothese: Fünf Fragen an betroffene Würzburger Studentin

Greta Niewiadomski kam ohne rechte Hand zur Welt. Warum, das ist nicht genau klar. Heute kann die Psychologie-Studentin aus Würzburg aber beide Hände einsetzen. Möglich macht es eine „Cyborg-Hand“, wie sie selbst sagt. Die hochentwickelte Prothese trägt die gebürtige Bremerin bei Bedarf. Wir stellen der 20-Jährigen fünf Fragen zur Prothese und ihrem Leben damit.

Frage: Greta, die Prothese hast du ja noch nicht lange. Warum nicht früher?

Greta Niewiadomski: Ich denke, es ist für Außenstehende schwer vorstellbar, aber da ich ohne rechte Hand geboren wurde, ist das für mich die Norm. Ich habe mich genauso daran gewöhnt, wie die meisten anderen an zwei Hände. Und so, wie viele Menschen der Gedanke beunruhigen würde, irgendwann mal eine Hand zu verlieren, hätte mich eher die Idee verunsichert, plötzlich eine Hand mehr zu haben. Vielleicht ist das für mich so abwegig, wie für Dich die Vorstellung drei Hände zu haben. Du wüsstest wahrscheinlich nicht, wie Du die koordinieren solltest. Oder wofür Du sie benötigst. Und meine Eltern haben sich früher bewusst gegen eine Prothese entschieden, weil sie mir vorerst ermöglichen wollten, ein natürliches Körpergefühl zu entwickeln und nicht auf ein externes technisches Hilfsmittel angewiesen zu sein. Erst mit 17 Jahren kam ich dann selbst auf den Gedanken, eine Prothese einfach mal auszuprobieren.

Warum hat sich das dann geändert?

Greta Niewiadomski: Lange dachte ich, dass ich mir eine derartige Prothese gar nicht leisten könnte. Aber tatsächlich übernimmt das die Krankenkasse vollständig. Hautfarben kam sie sowieso nicht in Frage, weil ich mich ja nicht verstecken wollte. Die Prothese bietet mir gesellschaftlich eine gute Möglichkeit, offen zu meiner Andersartigkeit zu stehen und dem ganzen gleichzeitig einen futuristischen Touch zu geben. Viele verbinden solche „Cyborg“-Hände ja mit Science-Fiction Filmen, wie StarWars und das finde ich wiederum cool, weil es bislang eher als defizitär gesehen wurde, eine Hand weniger als die Norm zu haben. Geändert hat sich für mich also insofern, dass ich nun für dieselbe Sache bewundert werde, die vorher Berührungsängste ausgelöst hat.

Greta berichtet von erschrockenen aber auch interessierten Blicken anderer Kinder, sobald sie ihre Hand sahen.

Wie funktioniert die Prothese?

Greta Niewiadomski: Ich ziehe die Prothese an wie einen Handschuh und kann dann durch externe Elektroden an meinem Unterarm die Finger ansteuern. Mein Orthopädie Mechaniker hat mir erzählt, dass es diese Technik schon seit einigen Jahrzehnten gibt, nämlich dass diese Elektroden ein Muskelsignal auf meiner Haut messen können und dieses weiterleiten. Am Arm trage ich einen Akku, den man ganz normal am Ladekabel auflädt und dieser sorgt für den Strom, den es braucht, um die Motoren in den Fingern zu beanspruchen. Ich finds immer noch total faszinierend, was da schon alles möglich ist. Das führt nämlich dazu, dass ich mir eine Bewegung überlege, den Muskelimpuls gebe und die Prothese diesen dann ausführt.

Was genau tut oder erleichtert sie für dich?

Greta Niewiadomski: Vor allem ist es die soziale Wahrnehmung für das Thema Behinderung, die sie komplett verändert hat und das wäre schon bereichernd genug. Aber vor allem beim Fotografieren und auch bei so einfachen Greiftätigkeiten entlastet sie die linke Hand enorm. Im Alltag und vor allem jetzt im Homeoffice trage ich sie sehr selten im Alltag. Aber wenn ich dann mal einen Nagel in die Wand hauen muss, hol ich sie aus dem Koffer. Ich sehe die Prothese eher als nützliches Gadget und bin nicht darauf angewiesen. Das ist natürlich auch gut so. Aber es ist auch gut, jederzeit die Möglichkeit zu haben sie zu tragen. So wie bei einem Kleidungsstück, was man sehr gerne mag.

Hattest du früher das Gefühl, Dich mehr beweisen zu müssen als jemand mit zwei Händen?

Greta Niewiadomski: Da erwähne ich immer wieder gerne die Story mit dem Schuhe binden. Wir haben das im Kindergarten gelernt und ich habe es erst nicht hinbekommen. Damit niemand sagen konnte, es würde an der Hand liegen, hab ich es den ganzen Abend und die halbe Nacht geübt, immer wieder, bis ich es konnte. Und am nächsten Tag konnte es niemand – nur ich! Sicherlich hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich mich mehr anstrengen müsste. Ich wollte auch nie Mitleid, oder Rücksicht, weil ich mich selbst nie als eingeschränkt wahrgenommen hab. Heute bin ich eigentlich froh darüber, denn das hat ja meinen Ehrgeiz gesteigert und mich oft zusätzlich motiviert.

Das Interview erschien zuerst auf www.wuerzburgerleben.de.

Du möchtest mehr von mainDing.de sehen? Dann folge uns fix auf Facebook, Snapchat oder Instagram!