Dragqueen
Paul Brandin aus Würzburg ist eine Dragqueen. Als Künstler nennt er sich Electra Illusion und zeigt sich unter anderem auf Instagram. Foto: Chris Weiß

Würzburg

Dragqueen aus Würzburg: Die Menschen sind verwirrt oder fasziniert

Wenn Paul Brandin seine Perücke aufsetzt, wird er zur Frau. Denn der Würzburger sieht beides in sich: Paul, der Mann. Electra, die Frau. Seit drei Jahren ist der 20-Jährige auch als Drag-Queen „Electra Illusion“ unterwegs. Man kann ihn in seiner weiblichen Rolle in der Stadt oder auf Instagram sehen. Anlässlich des Pride Month 2020 sprechen wir mit ihm nicht nur über sein außergewöhnliches Hobby, sondern auch darüber, warum seiner Meinung nach schon in der Schulzeit mehr für die Aufklärung verschiedener Sexualitäten getan werden muss.

Frage: Paul, die ganz offensichtliche Frage zum Start: Warum bist du eine Dragqueen geworden?

Paul Brandin: Seit ich weiß, dass es Drag Performer gibt, war ich schon immer extrem fasziniert von dieser Kunstform. Inspiriert durch meine Drag Vorbilder, wie Milk, Pearl, Jurassica Parka oder Rosetta Bleach, habe ich vor drei Jahren beschlossen, selbst mit Drag anzufangen.

Was steckt hinter „Electra Illusion“?

Der Name „Electra Illusion“ setzt sich zum einen zusammen aus dem Titel des Albums „Electra Heart“ von Marina aus dem Jahr 2012, welches mir viel bedeutet und mich enorm inspiriert hat. Und zum anderen daraus, dass bei Dragart eine Illusion erzeugt wird, indem eine Person eine Kunstfigur darstellt.

Mit was verbindest du den Begriff „Dragqueen“?

Der Begriff „Drag“ wurde geprägt von Shakespeare zur Zeit als im Theater noch alle Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Es ist ein Akronym für „Dressed As a Girl“. Heutzutage beschreibt Drag aber nicht ausschließlich Männer, die weibliche Charaktere verkörpern, sondern stellt einen Überbegriff dar, da es ja neben Drag Queens auch Drag Kings und weitere Drag Artists gibt. Drag bedeutet also einfach, dass eine Person unabhängig von Geschlecht und Sexualität eine Kunstfigur kreiert und darstellt, die wiederum nicht an spezifische Kriterien wie ein Geschlecht gebunden ist.

Was gefällt dir daran, wenn du dich aufhübschst?

Generell liebe ich Make -up und die unbegrenzten Möglichkeiten dahinter. Es ist ein Prozess, bei dem mein Gesicht eine Leinwand ist. Am Ende sehe ich immer komplett anders aus, ob ich nun einfach meine natürlichen Gesichtszüge hervorhebe oder mein Gesicht komplett transformiere. Es ist eine Kunstform, es ist das Erschaffen einer Illusion, es ist wie Magie und das ist es, was ich an Drag liebe.

Dragqueen
Paul schminkt sich regelmäßig für sein Erscheinen als Electra Illusion. Er bezeichnet sich als demisexuell und genderfluid. Foto: Chris Weiß

Es spielt viel Farbe, vor allem bei Haaren und Outfit, eine Rolle. Nach welchen Kriterien wählst du dein Outfit aus?

Ob und welche Farben eine Rolle spielen, hängt immer vom persönlichen Stil eines Drag Artists ab. Meine eigene Farbpalette reicht von Grün über Pink bis zu Gelb, Blau oder Violett. Meine Outfits wähle ich je nach Anlass aus, wobei meine Club-Oufits natürlich weniger extravagant sind als zum Beispiel meine Outfits für Bälle oder ähnliche Veranstaltungen. Außerdem mache ich mir oft Gedanken, ob meine Outfits eine bestimmte politische oder soziale Aussage haben sollen, so trage ich auf dem Titelbild zum Beispiel eine Perücke, die ich wie eine im Wind wehende Trans* Flagge gestylt habe.

Würdest du das als Kostüm bezeichnen oder trifft das etwas Inneres, wie du aussehen willst?

Meine Drag-Ästhetik basiert natürlich auf meinen persönlichen Präferenzen und so versuche ich, meine Drag Persona zu gestalten. Grundsätzlich basieren die Kleidung und das Make-up eines Drag Artists immer auf dessen eigener Vorstellung. Also würde ich sagen, es ist die Kreation einer inneren Vision.

Das Dasein als Dragqueen: eher Hobby oder doch Berufung? Ich habe zum ersten Mal an Halloween 2017 Drag gemacht und damals war, wenn überhaupt, das nur als Hobby angedacht. Doch je öfter ich Drag gemacht habe, desto mehr habe ich mich in diese Kunstform verliebt. Mittlerweile ist es mein Ziel, professionell Drag zu machen und, wenn möglich, auch davon zu leben.

Wie oft begibst du dich in die Rolle einer Dragqueen? Oder kann man das überhaupt als Rolle bezeichnen?

Es ist definitiv eine Rolle. Wie bereits erwähnt, ist Drag ja eine Kunstform, bei der eine Kunstfigur dargestellt wird, unabhängig von der eigenen Sexualität oder Geschlechtsidentität. Ich mache Drag immer mehrmals im Monat, zum Feierngehen oder für Veranstaltungen wie den Christopher Street Day (CSD) oder den Run for tolerance and freedom, etc. Da zurzeit viele dieser Events nicht stattfinden, mache ich öfter zu Hause Drag, um meine Make-up-Skills zu verbessern und Bilder für Instagram zu machen.

Wie gelingt es dir, wieder komplett Paul zu sein?

Ganz einfach, ich schminke mich ab. So wie das Schminken die Transformation in die Drag Persona darstellt, so ist das Abschminken der umgekehrte Prozess.

Was für ein Leben führt Paul außerhalb seines Daseins als „Electra Illusion“?

Ich studiere Anglistik hier an der Uni in Würzburg. Neben Drag produziere ich hobbymäßig Musik, schreibe Lyrics und ich arbeite ehrenamtlich für die Deutsche Aidshilfe, um mich so auch sozial zu engagieren. Zudem bin ich Creative Director der Firma „Moodygemini“, die von einer meiner besten Freundinnen gegründet wurde. Wir stellen veganes, tierveruchfreies Make-up her.

Welches Feedback erreicht dich – sowohl auf Insta als auch im realen Leben?

Entgegen vieler Freunde und Bekannter von mir, die ebenfalls Drag machen und auch häufig Hasskommentare auf sozialen Medien erhalten oder auch schon in der Öffentlichkeit angegriffen wurden, hält sich das bei mir zum Glück in Grenzen. Auf Instagram bekomme ich, bis auf wenige Ausnahmen, nur positives Feedback oder konstruktive Kritik für meine Drag-Kunst. Im realen Leben ist mir bisher auch noch nichts Krasseres passiert, außer vielleicht mal ein paar Beleidigungen. Im Gegenteil, es ist schon viel öfter vorgekommen, dass ich Komplimente auf der Straße bekommen habe. In den meisten Fällen sind die Menschen immer verwirrt oder fasziniert, wenn sie mich in Drag in der Stadt sehen.

Kannst du uns etwas über deine eigene Sexualität verraten?

Zunächst einmal bin ich genderfluid. Das heißt, dass ich mich sowohl als Mann, als auch als Frau identifiziere und sich meine Geschlechtsidentität phasenweise verändert. Das hat natürlich wiederum nichts mit Drag zu tun und bezieht sich auf mich als Person und nicht auf meine Kunst. Egal ob Mann oder Frau, ich bin in erster Linie demisexuell. Demisexualität ist kurz gesagt eine Form der Asexualität und bedeutet, dass ich erst sexuelles Interesse an einer Person haben kann, wenn ich eine starke, romantische oder platonische Beziehung zu dieser aufgebaut habe. Darüber hinaus bin ich homoromantisch, was in meinem Fall bedeutet, dass ich mich als Mann romantisch zu Männern und als Frau romantisch zu Frauen hingezogen fühle.

Wie empfindest du die queere Szene in Würzburg?

Die meisten Leute aus unserer LGBTQIA+ Community kenne ich vom Feiern. Wir haben zwar keine eigenen Clubs wie in größeren Städten, dafür aber unter normalen Umständen mindestens zwei queere Partys im Monat. Ich liebe unsere Community, da sie voller offener, interessanter und faszinierender Menschen ist. Leider gibt es an manchen Stellen interne Diskriminierung, vor allem gegenüber trans* Personen, was sich definitiv ändern muss, da wir alle Teil derselben Community sind und uns gegenseitig unterstützen sollten.

Wo gibt es noch große Verbesserungspotenziale?

Wir befinden uns im Jahr 2020 und immer noch herrscht viel zu viel Homo-,Bi- und Transphobie und generelle Nichtakzeptanz von queeren Menschen und wir haben noch einen sehr weiten Weg bis zur Gleichberechtigung vor uns. Ein guter erster Schritt dahin wäre, wenn wir dem Beispiel von Schottland folgen und LGBTQIA+-Themen in den Lehrplan integrieren. Die meiste Intoleranz entsteht aus Unwissenheit, Unverständnis und einem Mangel an Aufklärung. Wenn wir den zukünftigen Generationen vermitteln, dass wir trotz unserer Unterschiede doch alle gleichwertige Menschen sind und wir dieselben Rechte verdienen, dann können wir durch die Bildung, den Weg in eine Zukunft ebnen, in der wir alle gleichberechtigt sind und unsere Sexualität und Geschlechtsidentität nicht zu Ausgrenzung und Diskriminierung führen.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Für meine Zukunft wünsche ich mir, dass ich mein Ziel erreichen werde, Drag professionell zu machen. Ich möchte mit meiner Kunst erfolgreich sein, ich möchte Menschen bewegen, unterhalten und aufklären. Aber vor allem will ich ein Vorbild für junge, queere Menschen sein und ihnen zeigen, dass es vollkommen okay ist, man selbst zu sein. Ich will sie dazu inspirieren, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen, egal was andere Menschen oder die Gesellschaft dazu sagen.

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