MS Zufriedenheit
Thomas Howert ist einer der beiden Betreiber der MS Zufriedenheit. Er sieht den Club ab Herbst massiv gefährdet. Foto: Chris Weiß

Würzburg

MS Zufriedenheit in Würzburg: Über die Hälfte aller Angestellten bereits verloren

Die MS Zufriedenheit am Alten Hafen ist eine der eierlegenden Wollmilchsäue der Würzburger Clublandschaft. Restaurant, Biergarten und Hochzeitslocation auf der einen Seite, auf der anderen Seite nächtlicher Hotspot für die Indie- und Technoszene aus Würzburg. Hier legen Künstler auf, die so auch im Berliner Berghain und anderen großen elektronischen Musikclubs der Welt spielen. Dominik Straub und Thomas Howert betreiben seit rund sieben Jahren den gläsernen Club am Main, der von der Stadt Würzburg vermietet wird.

Im Interview spricht Thomas Howert über die existenzielle Bedrohung, warum man eigentlich schon seit Jahren den Betrieb hätte dicht machen können und warum Jugendkulturpreisträger trotz kulturellem Ansatz wie jedes andere wirtschaftliche Unternehmen behandelt werden.

Frage: Wie geht es dem Club denn aktuell, wenn du ganz ehrlich sein willst?

Thomas Howert: Sowohl der Club als auch der Gesamtbetrieb der MS Zufriedenheit sind existenziell bedroht. Mit den aktuellen Gegebenheiten ist die Perspektive ab Herbst sehr ernüchternd.

Wie sieht momentan dein Alltag ohne Clubbetrieb aus?

Thomas Howert: Meinen Hauptaufgaben in der MSZ sind Clubbetrieb / Livemusik und der Verwaltungsapparat. Jetzt bin ich sozusagen nur noch reiner Papiertiger. Ansonsten dreht sich aktuell eigentlich alles darum, strategisch verantwortbare Entscheidungen zu treffen.

Inwiefern nagt die Unsicherheit, wann und wie es weitergeht, an einem?

Thomas Howert: Da geht es uns grundsätzlich, glaube ich, wie allen anderen im Veranstaltungsbereich auch. Ein Unterschied mag sein, dass wir vor sieben Jahren kurz nach unserer Eröffnung schon einmal unverschuldet ein halbes Jahr komplett schließen mussten und kurz vor der Insolvenz standen. Stichwort Kaimauer. Das gibt einem ein zusätzliches Urvertrauen in das Unternehmen.

Nimmt dein Club staatliche Hilfen in Anspruch? Wenn ja, wie sehen die aus?

Thomas Howert: Da muss ich weiter ausholen. Wir haben Soforthilfe erhalten, beanspruchen Kurzarbeitergeld und werden auch die bis August gewährte Überbrückungshilfe beantragen. Dies war wichtig und hat uns sehr geholfen, die Lage genauer auszuloten und keine überstürzte Entscheidung zu treffen. Generell zeigt sich aktuell allerdings sehr deutlich die unterschiedliche Wahrnehmung von Clubkultur in den Institutionen.

Auf der einen Seite zahlen wir in die Künstlersozialkasse ein, haben jedes Jahr zwischen 15.000 und 20.000 Besucher bei kuratierten Clubveranstaltungen, sind langjähriges Mitglied im Verband der Livespielstätten und dadurch auf Bundesebene in der Vergangenheit auch gefördert worden.

Auf der anderen Seite werden wir vom Finanzamt wie ein klassisches Wirtschaftsunternehmen betrachtet und erhalten keinerlei steuerliche Vergünstigungen. Als private Betreiber eines städtischen Museumscafés und ehemalige Jugendkulturpreisträger erhalten wir nun wahrscheinlich keine Unterstützung aus dem Topf für die besonders betroffenen privatwirtschaftlichen Kulturbetriebe. Das ist für uns in Summe schon schwer nachvollziehbar.

Die Gesellschaft und somit die Politik sollte sich ganzheitlich die Frage stellen: Sind Livemusik und Clubkultur ein Teilbereich des Gesamtkulturbetriebes, der eine gesellschaftliche Aufgabe übernimmt und somit erhaltenswert ist? Oder wird nur Hochkultur strukturell gefördert und subkulturelle Strömungen finden wieder in teils unkontrollierten Bereichen statt? Eine institutionsübergreifende Kategorisierung mit messbaren Kriterien würde zudem von Bau- bis Steuerecht für deutlich mehr Sicherheit sorgen. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, riskieren Betreiber hier durch teils willkürliche Einschätzung der jeweiligen Institution ihre Existenz.

Was machen deine Mitarbeiter gerade, wenn der reguläre Betrieb ruht?

Thomas Howert: Trotz der staatlichen Maßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld haben wir Stand heute die Hälfte unserer Festangestellten und rund 80 Prozent unserer geringfügig Beschäftigten verloren.

Größtenteils in andere Branchen, da die Perspektive in der Event-Gastronomie die nächsten Jahre eher schwierig ist. So arbeiten unser Clubpersonal oder auch unsere soloselbstständigen DJs nun beispielsweise am Fließband oder im Fahrradhandel. Durch den Restaurantbetrieb können wir einen Teil des Clubpersonals weiter beschäftigen.

Hast du schon Ideen, wie Geld verdient werden kann, auch wenn das noch monatelang anhält?

Thomas Howert: Der Restaurantbetrieb hält uns über Wasser. Wobei mit dem Ausfall des Großteils der geplanten Hochzeiten eine weitere Säule des Gesamtbetriebes weggebrochen ist. Grundsätzlich geht es zur Zeit eher darum, die finanziellen Schäden in Grenzen zu halten.

Wir verdienen beide unseren Lebensunterhalt mit einer anderen Tätigkeit. Insofern ist die Situation für uns persönlich, was die MSZ angeht, nicht existenziell und um ehrlich zu sein, hätten wir ansonsten schon vor Jahren den Betrieb aufgeben müssen.

Spenden als Club generieren: No-Go oder ein gutes Mittel?

Thomas Howert: Das muss man von Fall zu Fall betrachten. Für uns fühlt es sich zum jetzigen Zeitpunkt falsch an, Geld ohne Gegenleistung anzunehmen. Trotzdem könnte das eine letzte Option sein.

Blick in die Glaskugel als Betroffener: Wann glaubst du, könnte es wieder weitergehen?

Thomas Howert: Das Bild mit der Glaskugel trifft es ganz gut. Der Tenor in der Clublandschaft ist momentan, dass eigentlich niemand mit einem Betrieb, wie wir ihn vor der Pandemie kannten, vor Mitte nächsten Jahres rechnet. Mit privaten Veranstaltungen hat der Freistaat einen rechtlichen Graubereich geöffnet, in dem wir uns nicht bewegen wollen. Es gibt mittlerweile zwar erste, vertretbare Konzepte mittels Testpflichten und Personalisierung. Dies wird aber nicht in der gewohnten Personenanzahl, Preislage und Frequenz stattfinden können.

Da letzten Endes niemand seriös beantworten kann, wann Restriktionen wieder aufgehoben oder vielleicht sogar wieder eingeführt werden, geht es uns aktuell eher darum, ob und wie man die Zeit bis zum ursprünglichen Zustand überbrücken kann.

Wenn es weitergehen kann, mit großem Knall oder mit Zurückhaltung?

Thomas Howert: Urknall.

Was möchtest du ganz generell noch zu dieser Situation loswerden?

Thomas Howert: Bei all den Problemen, die diese Pandemie verursacht, sollten wir uns unserer privilegierten Lage bewusst sein.

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